Einfach nachhaltig? Entscheidungsprozesse in der Verpackungsindustrie

Entscheidungsprozesse in der Verpackungsindustrie

Eine Case Study von Naturata

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Verpackungen haben viele Funktionen. Traditionellerweise schützen Sie das Produkt, verlängern dessen Lebensdauer, präsentieren das Produkt oder – im Fall von Nahrungsmitteln - zeigen einen Serviervorschlag und ermöglichen den unbeschädigten Transport zum Kunden. Verpackungen sind gerade in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Kunden gerückt: das offensichtliche Verschmutzungsproblem in den Ozeanen, die weniger sichtbare aber klar nachgewiesene Problematik von Mikroplastik sowie die Menge an Verpackungsabfällen in den Haushalten haben hier das Konsumentenbewusstsein geschärft.  

Fragen wie z.B.

•   "Aus welchem Material besteht die Verpackung?"
•   "Wie wirkt sich die Verpackung auf die Umwelt aus?"

•   "Welche Alternative ist nachhaltiger?"

beschäftigen die Kunden. Die Antworten, die Unternehmen auf solche Fragen geben können (oder auch nicht?) beeinflussen Konsumverhalten und Entscheidungsprozesse der Verbraucher. Der Kunde möchte aus nachvollziehbaren ökologischen Gründen, Verpackungen weitestmöglich reduzieren, gleichzeitig aber deren Vorteile in Anspruch nehmen.

Naturata ist ein Unternehmen, das biologisch und biodynamisch erzeugte Lebensmittel vertreibt. Dazu zählen etwa Kaffee, Kakao, Schokolade, Nudeln, verschiedene Saucen, Tomatenprodukte und vieles mehr. Bei allen Produkten stehen die Verwendung hochwertiger Zutaten und eine naturbelassene Verarbeitung im Vordergrund.

Als Unternehmen im Bio-Lebensmittelsektor ist das Spannungsfeld zwischen dem Einsatz von Verpackungen und ökologischer Verantwortung besonders groß. Neben der Qualität der Ware haben auch die Lebensmittelsicherheit und Haltbarkeit eine zentrale Bedeutung. Verpackungsdesigner- und Entwickler müssen viele verschiedene Kriterien berücksichtigen, um schließlich die optimale Verpackungslösung umzusetzen. 

Neben den Primärfaktoren Qualität, Haltbarkeit und Sicherheit muss das Produkt auch optischen Ansprüchen genügen. Hinzu kommt, dass der Kunde alle nötigen Informationen zum Produkt auf der Verpackung finden und diese auch verstehen muss. Zutaten und Allergiehinweise müssen aufgelistet sein, Nährwerte angegeben werden und es muss klar sein, wie die Verpackung zu entsorgen ist – und das Ganze oft in unterschiedlichen Sprachen.  

Nicht zuletzt finden ökonomische Aspekte Berücksichtigung bei Auswahl und Gestaltung der optimalen Verpackung. Der Kunde mag bereit sein, Geld für das eigentliche Produkt auszugeben, nicht aber zwingend für die Verpackung, die in den meisten Fällen ohnehin entsorgt wird. Auch der Hersteller muss hier an die Wirtschaftlichkeit denken und das richtige Maß zwischen Attraktivität der Verpackung und den dahinterstehenden Kosten finden. Solche Überlegungen betreffen nicht allein die eingesetzten Materialien, sondern die gesamte Infrastruktur. Wie sind die Transportwege? Welche technischen Herausforderungen gibt es bei der Abfüllung und Verarbeitung?  

Gerade für kleine und mittlere Unternehmen kann dies eine besondere Herausforderung darstellen. Sie sind in der Lieferkette auf andere KMUs angewiesen. Die begrenzte Auswahlmöglichkeit an Lieferanten und Einschränkungen, welche durch die maschinelle Verarbeitbarkeit gegeben sind, resultieren daher oft in einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit. Große Hersteller hingegen führen ein neues Produkt oder eine Änderung bei der Verpackung ohnehin nur bei größeren Chargen bzw. Einkaufsmengen ein. 

Zurück zum Thema Nachhaltigkeit. Diesen Aspekt in die ohnehin schon anspruchsvollen Abläufe integrieren zu wollen, erscheint auf den ersten Blick sehr aufwendig. Das muss es aber gar nicht sein. 

Naturata hat sich als führendes Unternehmen im Verkauf von biologisch und biodynamisch erzeugten Lebensmitteln per se der Nachhaltigkeit verpflichtet und betrachtet es als seine Pflicht, nicht nur biologische Produkte, sondern auch nachhaltige Verpackungen zu verwenden.  

Das Unternehmen hat sich entschieden, mit thinkstep zusammenzuarbeiten und mit Hilfe des GaBi Packaging Calculator seinen Prozess um die notwendigen Umweltinformationen zu ergänzen. Der GaBi Packaging Calculator ist ein speziell für Verpackungen konzipierter Ökobilanz-Rechner. Das webbasierte Konfigurationstool ermöglicht die Erstellung von Ökobilanzen und die Simulation alternativer Verpackungsdesigns. 

Kernstück des Tools ist ein voll parametrisiertes Ökobilanz-Modell über den gesamten Produktlebenszyklus von Verpackungen.  

In die einfach zu bedienende Weboberfläche des GaBi Packaging Calculator müssen nur die benötigten Materialien, Herstellungsverfahren und Transportwege, die den aktuellen Prozessen bei der Produktion der Verpackung entsprechen, gewählt und die entsprechenden Werte in die vorgesehenen Felder beim jeweiligen Parameter eingetragen werden. Auf Knopfdruck lassen sich der Carbon Footprint, die Zirkularität der Verpackung, der Wasserverbrauch und viele andere Indikatoren auswerten.   

Das Produktmanagement von Naturata hat 4 verschiedene Verpackungsvarianten für Getreidekaffee ausgewählt. Eine hohe Priorität hatte dabei nicht nur das Austesten verschiedenster Materialien, sondern auch die Wiederverwendbarkeit der betrachteten Verpackungen. 

Zum Vergleich standen:  

•   eine Weißblechdose mit Aluminiumlasche mit einem Deckel aus Polyethylen und Papieretikett 
•   ein Glasgefäß mit aluminiumbedampftem Papierdeckel, Polystyrolverschluss und Papieretikett
•   eine aluminiumbedampfte Pappdose mit Weißblechboden, einer Aluminiumlasche, einem Deckel aus Polyethylen und einem Papieretikett
•   eine Nachfüllvariante mit Polypropylenbeutel, die zusätzlich als Standardversion genutzt werden könnte 

Mit dem GaBi Packaging Calculator wurden die LCI-Daten der einzelnen Varianten gebündelt und die verschiedenen Auswirkungen auf die Umwelt untersucht. 

Bei der Bewertung der Ergebnisse im Hinblick auf die einzelnen Wirkungskategorien stellte sich heraus, dass der Nachfüllbeutel (ohne weitere Verpackung) in allen Kategorien am besten abschneidet. Da jedoch nicht sichergestellt werden kann, dass dieser vom Verbraucher auch genutzt werden würde, ohne den Kaffee in ein anderes Gefäß umzufüllen, wurden die anderen Varianten genauer betrachtet. 

Im Falle einer geringen Wiederverwendung der Verpackung haben am besten abgeschnitten: 

•   die Pappdose - in Bezug auf den CO2 - Fussabdruck [kg CO2 eq.] 
•   das Glasgefäß - in Bezug auf den Wasserverbrauch [kg]
•   die Weißblechdose, dicht gefolgt vom Glasgefäß - in Bezug auf das Euthrophierungspotenzial [kg P eq.] 

Ähnlich bunt gemischt ist die Reihenfolge bei anderen Umweltauswirkungen. Eine bloße Betrachtung der Umweltauswirkungen ergibt also kein eindeutiges Bild – ein Umstand, mit dem man sich gerade im Verpackungsbereich häufig konfrontiert sieht. Stellt sich die Frage, welche Bewertungsmaßstäbe stattdessen heranzuziehen sind?  

Zum einen gilt es, die Wiederverwendbarkeit der Verpackung miteinzubeziehen: Wenn die verschiedenen Verpackungen bis zu 100-mal wiederverwendet werden, relativieren sich die Ergebnisse und es gibt keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen den einzelnen Verpackungsvarianten. Weitere Fragestellungen sind: Wie viele Nutzungszyklen sind überhaupt realistisch? Verschleißt die Pappdose schneller und muss früher entsorgt werden? Was passiert, wenn eine gläserne Verpackung aus der Hand rutscht und zu Bruch geht?  

Zum anderen muss die Kundenperspektive mitberücksichtigt werden. Welche Rückmeldungen der Kunden gibt es eventuell schon? Was ist deren Erwartungshaltung an eine Verpackung?  

Die Kombination aus den berechneten Ergebnissen und den Schlussfolgerungen zu Haltbarkeit, potentieller Nutzungsdauer und Kundenerwartungshaltung hat bei Naturata zur letztendlichen Entscheidung geführt: Die Weissblechdose wird weiterhin verwendet, denn sie bietet die längste potentielle Nutzungsdauer. Zusätzlich werden Kunden darauf hingewiesen, den Nachfüllbeutel zu kaufen und die Dosen so lange als möglich einzusetzen.  

In diesem Beispiel wird klar, dass es im Bereich Nachhaltigkeit meist nicht DIE Lösung gibt. Bei Umweltanalysen sollten immer möglichst viele verschiedene umweltrelevante Aspekte betrachtet werden, um die mögliche Verlagerung von Umweltauswirkungen zu erkennen und zu vermeiden.  Diese Effekte sowohl zu (er-)kennen und zu kommunizieren und gleichzeitig die Verantwortung für die Entscheidung mitzutragen sind für den Erfolg eines Unternehmens von großer Bedeutung. Die Erfahrung zeigt, dass sich Fokus und Prioritäten auf Hersteller wie Konsumentenseite verschieben, je nachdem, wie akut das Problem ist. Zudem gilt es sich bewusst zu machen, dass der aktuelle Fokus auf das Thema Klimawandel und die Plastikproblematik nicht bedeutet, dass es keine anderen Umweltprobleme gäbe. 

Fazit

Das Denken in nur eine Richtung ist zu wenig, denn es müssen - sowohl industriell als auch ökologisch - komplexe Abläufe und Systeme betrachtet werden. Kommunikation ist essentiell, daher muss ein Dialog entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen, um wichtige Maßnahmen zum Umweltschutz umzusetzen. Der Endverbraucher muss hier im Fokus stehen, denn er ist das Bindeglied zwischen der Herstellung des Produkts und dessen Lebensende.

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